Zugegeben: Die Headline klingt dramatisch

Aber so fühle ich mich etwa 40 bis 60 Prozent meines Lebens auch, wenn es um dieses Thema geht:

Diabetes Typ 1.

Und heute möchte ich mich einmal darüber beschweren.

Ich habe nämlich genug davon, Leuten zu bezeugen – oder, noch schlimmer, sie in ihrer ungefragt kundgetanen Meinung zu bestätigen -, dass es eh eine leichte Geschichte ist und nicht so tragisch, wie z.B. Krebs zu haben. Das kann man nämlich gar nicht vergleichen. Das sind Äpfel und Birnen.

Ich bin es wirklich leid, diese angeblich lebenslange „Zucker-Unverträglichkeit“ – die auch Brot, Mehl, Nudeln und einfach alles, wo Kohlehydrate und damit Zucker in jeglicher Form drin sind, beinhaltet – mit anderen Krankheiten zu vergleichen, um das Thema klein zu machen und zu verharmlosen. Denn dieser (Kinder, hört jetzt bitte weg) fucking Diabetes hat einen so großen Stellenwert in meinem Leben eingenommen, dass ich manchmal, wenn ich richtig wild bin, am liebsten mein „Zucker-Tascherl“ nehmen und an die Wand schleudern würde.

(Wer mich besser kennt, weiß genau, dass ich das sowieso schon einige Male tatsächlich getan habe.)

Kamel©pixabay-pexels
Kamel-Durst ist ein wichtiges Symptom bei Diabetes, wie ich heute weiß.©Pixabay/Pexels

Durst wie ein Kamel und schwache 40 Kilo: Die Zeit meiner Diabetes Typ 1-Diagnose

Ich habe die Diagnose Ende 2016 erhalten. Bis dahin habe ich ab meinen Erwachsenenjahren meine Ess-Kultur so gestaltet, dass ich möglichst wenig Zeit für Kochen und Essen verschwenden musste. Habe oft den ganzen Tag lang nichts gegessen – und abends dann gevöllert. Oder habe Null-Diäten hingelegt, einfach so, weil ich schlecht drauf war. Kurz: Ich habe meinen Körper stoffwechselmäßig sukzessive theoretisch in den Wahnsinn getrieben – und praktisch trotzdem nie große Probleme gehabt.

Essen, Inhaltsstoffe, Kohlehydrate, Fett, whatthefuck. Mir war das immer herzlich egal.

Bis zur Diagnose. Bis dahin war ich – über Sommer und Herbst hinweg und trotz gesunden Appetits und ebensolcher Grillereien und Abend-Schlemmereien vor dem Fernseher (ich war ja zu dem Zeitpunkt bereits Mutter) – auf ein bisschen was über 40 Kilogramm abgemagert. Ich fand das irgendwie cool, obwohl ich bereits groß genug war, um zu merken, dass da was nicht stimmt. Nicht mal bei mir, die ich Zeit meines Lebens niemals mit Gewichtsproblemen zu kämpfen gehabt hatte.

Der Auslöser, endlich zum Hausarzt (zu dem meines Partners – denn ich selbst als erklärter Ärzt*innen-„Fan“ hatte zu dem Zeitpunkt nicht mal einen) zu gehen, war, als ich einmal in der Früh beim Flascherl-Machen in der Küche in die Knie ging und nicht mehr aufstehen konnte.

Unser Baby sah mich interessiert und verwundert an, mein Partner war in der Arbeit, mein Handy war – wie immer in solchen Situationen – gerade irgendwo, aber nicht in meiner Scheiß-Hand. Ein paar Minuten saß ich so da und beruhigte unsere Kleine über die zwei Meter Entfernung in der Küche hinweg, dass sie gleich ihr Flascherl bekommen würde. Aufgrund dessen und der Pflichten, die ich hatte, stand ich schließlich unter großer Kraftanstrengung endlich wieder auf – und funktionierte dann auch den Rest des Tages leidlich.

Abends beim besagten Arzt aber reichte nach kurzer Schilderung meiner Symptome (Durst wie ein Kamel und dabei speziell Gusto auf Apfelsaft mit Mineralwasser sowie starker Gewichtsverlust) ein winziger Fingerstich aus, um zu erfahren:

Mein Blutzucker liegt, obwohl ich gerade seit Stunden nichts gegessen habe, bei über 500, und mein nächster Weg würde ins Krankenhaus führen.

Mein Leben lang? Na, sicher nicht!

Ganz ehrlich? Ich habe diese Diagnose in Verbindung mit der Pflicht, „ein Leben lang zu spritzen“, nicht geglaubt. Ich habe es weder über die Tage im Krankenhaus hinweg noch in den Monaten und, ja: Jahren danach – mit Diabetes-Schulungen, Einlesen ins Thema und Beratungen wie Scan- und Pumpen-Beratung – nicht geglaubt.

Ich habe heute ein ganzes Sammelsurium an alternativen Mitteln daheim, pflege laufende Kontakte zu alternativen sowie schulmedizinischen Expert*innen in Österreich und Deutschland – und verschlinge bis heute alle paar Tage mal (internet)seitenweise Infos und neue Erkenntnisse zu Diabetes Typ 1.

Der Unterschied zu den ersten zwei Jahren seit der Diagnose ist heute jedoch, dass ich es sehr wohl glaube.

Es ist tatsächlich so. Ich kann Zucker, also: Kohlehydrate sehr schlecht oder gar nicht verwerten. Dazu produziert mein Körper (wahrscheinlich als Rache wegen früher (der Hund!)) selbst Unmengen an Zucker, sobald ich mal wieder denke, besonders gescheit sein zu müssen – und so manches Frühstück, Dinner und alles dazwischen zu skippen. Es ist nicht nur, was ich esse und wann. Es ist auch mein eigener Körper. Einerseits attackieren mich die selbstproduzierten Autoimmun-Zellen, andererseits produziere ich – wie ich denke – besonders viel Zucker.

Toll.

Mein Leben hat viele Facetten. Über allem aber liegt nun „der Zucker“.

Daran können auch die plakativen Fotos überglücklicher, strahlender Menschen in den gängigen Diabetes-Foldern nichts ändern – die es offensichtlich ganz toll finden, Insulin zu spritzen und damit ein ganz normales Leben (zwischen Messwerten, Medikamenten und Stichen, Stichen, Stichen, Unterzucker, Überzucker sowie regelmäßigen obligaten Blutabnahmen, Kontrollen und KREISCH) zu führen. Keine Ahnung, wie die das machen. Ich schaffe das nicht.

Typ 1 hat nichts mit Fettleibigkeit oder ungesunder Ernährung zu tun, wobei ich letztere ja sehr lange zelebriert habe. Es ist eine vererbte Geschichte, ausgelöst durch alles mögliche – von einer simplen Erkältung bis hin zu (warten Sie, das ist jetzt sicher überraschend) „Stress“. Und noch etwas zeichnet Typ 1 aus: Er ist nicht heilbar. Ein „Zweier“, wie ich den anderen Drecksack mittlerweile liebevoll nennte, kann mit Ernährungsumstellung, Bewegung, Disziplin und ich glaube rosa Einhörnern wieder ins Lot gebracht bis hin zu vollständig ausgeheilt werden. Der „Einser“ nicht.

aerial-shot_©Quang Nguyen Vinh
Unter- und Überzucker: Unterwegs auf ständiger Berg- und Talfahrt.©Quang Nguyen Vinh/Pexels

Berg- und Talfahrt: Meine Reise zwischen Überzucker und Unterzucker

Grundsätzlich ist der „Einser“ schwierig einzustellen. Bei mir ist das absolut so. Die Berechnungen, die ich mittlerweile im Kopf ganz locker sogar für einen kompletten selbstgebackenen Kuchen anstellen kann, um zu wissen, wie viele Einheiten Insulin ich „gegenspritzen“ muss, hauen sehr oft im Körper nicht hin. Weil der Körper mal so, mal so verwertet. Mal so, mal so dazuproduziert.

Unterzucker bedeutet einen höllischen Abfall meiner Laune, meiner Kraft und Energie und manchmal, wenn er wirklich stark ist, meiner gesamten Lebensfreude. Ich hatte früher auch immer wieder mal Unterzucker-Attacken, das war schon nicht lustig. Sie sind aber nichts zu den jetzigen, wenn die Insulin-Dosis zu hoch und/oder die Kohlehydrat-Dosis zu niedrig ist – und/oder die Verwertung in meinem Körper von ein und demselben Lebensmittel bei ein und derselben Insulin-Dosis anders läuft. Bei mir waren schon ganze Tage im Arsch wegen einer einzigen Unterzucker-Situation. Tage.

Überzucker wiederum bedeutet Schwermut im wahrsten Sinne. Ich sehe den Zucker richtig, wie er durch mein Blut schmiert und schliert und mich runterdrückt. Genauso fühlt es sich auch an. Wenn ich dann diesen verhassten Aceton-Geschmack im Mund bekomme – was, ja, ich gebe es zu, vorkommt, denn ich bin nach wie vor nicht so konsequent und „berechnend“, wie ich es sein sollte – weiß ich, es ist allerhöchste Zeit. Um nachzuspritzen. Und im schlechtesten Fall passt es dann wieder nicht, und ich schlittere geradewegs in einen Unterzucker hinein.

Manchmal weine ich wirklich deswegen, einfach aus Wut, dass eine Körperstörung so viel Chaos und Unmut verursachen kann. Es ist eine große Schwäche, die ich früher nicht hatte, und mit der ich nun leben muss – angeblich für immer.

Mein „Einser“ und ich: Dreamteam forever?

Ich spritze konsequent und verbeisse mir meine kulinarischen Sünden zumindest die halbe Zeit, Insulin hin oder her. Doch ich wünsche mir immer noch jeden-jeden Tag meines Lebens, dass die Forschung einen weiteren Durchbruch erzielt. Ich nähere mich zurzeit der Drei-Jahres-Marke der Diagnose. Ich kann sagen, dass mein Umgang mit der Zuckerkrankheit natürlich viel besser geworden ist. Auch trage ich seit einiger Zeit einen Scan am Oberarm, und erspare mir damit wenigstens das mehrmals tägliche, für mich unangenehme und auch unhygienische Fingerstechen. Die Nadeln bleiben mir sowieso nicht erspart, weil ich ja auch für das Insulin Spritzen (Pens) benötige. Aber wenigstens fällt der verhasste Fingerstich weg.

Was die vielgepriesene Pumpe betrifft, lehne ich sie trotz mehrerer Beratungen dazu vehement ab. Ich möchte nicht dieses Ding an mir dranhängen haben. Außerdem muss ich trotzdem meine Insulin-Einheiten selbst ausrechnen, dafür sorgen, dass die Pumpe immer gut gefüllt ist, richtig sitzt, gut gewartet ist, mir wird gleich schlecht etc.

Dann lieber weiterhin zwei verschiedene Arten von Pens mit mir rumschleppen, egal, wohin ich gehe, egal, ob ich vorhabe, etwas zu essen, oder nicht.

Mein persönlicher Typ 1-Status quo

Mein Gerät zeigt mir den Zucker-Verlauf auch der letzten Stunden an. Oft genug erwache ich gerädert und sehe nach der ersten Messung, dass ich z.B. um 5 Uhr früh nah am Koma im Schlaf vorbeigeschrammt bin (mit einem Wert von 43), aber nach dem Aufstehen um 7 Uhr einen Wert von knapp 300 habe. Wenn das nicht ab und zu zum Heulen sein darf?!

Ich möchte mein Blog nutzen, mir den Unmut immer wieder mal von der Seele zu schreiben. Aber auch, um meine laufenden Erfahrungen mit Alternativen zusätzlich zum Insulin-Spritzen zu teilen. Wenn es wirklich zu meinen Lebzeiten keinen medizinischen Durchbruch geben sollte, dann möchte ich wenigstens besser damit zurechtkommen. Darüber zu schreiben, erstmals seit der Diagnose, die ich damals so ungläubig wie natürlich verneinend zur Kenntnis genommen habe, ist ein weiterer Schritt dabei.

Fotos: Danke an Pexels / Suzy Hazelwood (Zucker), Pixabay (Kamel), Quang Nguyen Vinh (Berg und Tal).

3 Kommentare

  1. Deine Beschreibung über Diabetes Mellitus Typ 1 im Leben/Alltag ist wirklich sehr gut formuliert. Du wärst perfekt als Aufklärungsperson im Gesundheitssystem, damit der Umgang mit der Diagnose einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird.
    Althea, es tut mir echt leid, dass dich so ein Schicksal erreicht hat… Ich bewundere deine Verbissenheit und dein Kampfeswillen und bin in Gedanken bei dir (hier schreibt Gine 😘) und vermute, du kennst bereits folgende Seite: https://www.dzd-ev.de/ Drücke sich aus der Ferne.

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      1. Freu mich, wenn du wieder berichtest… Hoffe, du stellst den Bericht anderen zur Verfügung… Das ist wichtig und hilfreich und ich wünsche dir vom Herzen, dass ganz bald ein Durchbruch in der Medizin kommt. Liebe Grüße aus Hamburg ❤️😘

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