… und warum Eltern in dieser Zeit gern mal Zuflucht im heimatlichen Nassraum suchen

Das ärgste Geständnis zuerst.

FUCK THE SYSTEM: Seit dem Sommer 2019 steht dies wacker auf der kleinen Kreidetafel im pseudo-idyllischen Landhausstil unserer Küche.

In jener bemitleidenswert krakeligen Schrift, die ich seit der Volksschule mein Eigen nenne, sobald ich mit Kreide schreiben soll.

In Gelb auch noch dazu.

Das ist natürlich schlimm. Wegen des F-Worts, und überhaupt. Könnte unsere Tochter mit ihren knapp vier Jahren schon lesen, wäre sie wohl am schockiertesten von allen. Apropos „allen“: Abseits vom trauten Familienkreis findet zum Glück wenigstens fast kein*e Externe*r bis zur besagten Tafel.

Zu sehr verfangen sind wir alle in unseren All(en)tagen. Die einen gehen arbeiten oder arbeiten auch einfach im Sitzen, die anderen müssen in den Kindergarten (die Mutter zumindest zwecks Hol- und Bringdienst, die Tochter ausführlich) – und dazu kommen die persönlichen Vorlieben und Interessen, die es zwischen Aufstehen und Schlafengehen noch zu bewältigen gilt. Ich persönlich, zum Beispiel, also, ich persönlich.

Ich persönlich liebe es, zu schreiben, inspirierende Videos und gruselige Filme anzuschauen – und darüber hinaus relativ lange grübelnd ins Nichts zu starren (oder in das unattraktive doch in stummer Anklage nach Aufmerksamkeit heischende wahlweise Wäsche-/Papierkram-/Geschirr-Gebirge). Mein Gefährte liebt es, Musik zu machen und spannende Menschen zu treffen. Unsere Puppi liebt Tanzen, Springen, unsichtbare und sichtbare Freund*innen, Hörspiele – und alles, was kreativ ist.

In Summe haben wir alle drei unsere „freien“ Zeiten die letzten paar Wochen jedoch zu einem wirklich großen Teil damit verbracht,

  • den Fluch des Fensterbilder-Malens erstmals über unser Haus bringen,
  • Uhu vom Holztisch zu schaben,
  • Seifen zu machen,
  • Salzteig-Kunstwerke zu kreieren und im Backofen zu trocknen,
  • die Bemalung der getrockneten Salzteig-Kunstwerke zu supporten und nicht zuletzt deshalb
  • die Pandora-Box der Acryl-, Bastel-, Finger- und Wasserfarben erstmals seit dem Spätherbst wieder zu öffnen,
  • mit Schmutzradierern diverse in verstörender Manier an Nitsch erinnernde Code-Zeichen von den Wänden zu entfernen,
  • Aquarien für Schleich-Amphibien zu gestalten,
  • aus Essstäbchen sehr sorgsam kindersichere Zauberstäbe zu basteln und last but sicherlich not least
  • einen Berg an leeren Küchenrollen-Rollen zu sammeln, um in Folge daraus Fernrohre zu basteln.

Und das alles selbstverständlich neben den weiteren obligaten Tätigkeiten wie „Backen“, Duplo-Kliniken zu bauen, „Kochen“, Prinzessin Lillifee bei ihren Abenteuern zuzuhören sowie ich hab es im Moment vergessen. Denn mein Hirn ist grad auf Urlaub. Weil seit 20 Minuten schläft die Kleine. Es ist Abend, und frau tippt gerädert Sachen in die Tastatur, um sich wieder als jenes erwachsene, langweilige und völlig unkreative Erwachsenen-Monstrum zu spüren, das frau glaubte, eigentlich zu sein.

Sie erkennen ja auch ziemlich sicher, dass Grusel-Filme und Musikmachen hier nicht aufgelistet sind. Ganz zu schweigen von Blöd-vor-sich-hin-zu-starren und/oder grundsätzlich still – und sinnlos – den existentiellen Fragen des Seins nachzugehen (wie: Mache ich meine Steuererklärung auch heuer wieder auf den letzten Drücker oder schaffe ich es vielleicht drei Tage vor der endgültigen Deadline? Bin ich ein besserer Mensch, weil ich seit Jahren keine Spinne mehr getötet habe – so wie früher, als ich noch schlecht und verdorben war? Was machen eigentlich Schnecken, wenn sie alt sind und des Lebens überdrüssig? So in die Richtung halt).

Die einzig brennende Frage jetzt ist aber natürlich:

Warum das alles?

Eltern – und nur Eltern – wissen natürlich längst, warum das alles:

Der Kindergarten hatte bzw. aktuell: hat zu.

Waren bzw. aktuell: sind ja Ferien.

Und dem Kind war bzw. aktuell: ist sonst fad.

kreatives gestalten und basteln
Unglaublich, was alles „verbastelt“ werden kann. Unglaublich, aber augenscheinlich wahr. ©Althea Müller/privat

Übrigens: Garten hin oder her.

Aber bitte, wer will Ende Dezember/Anfang Jänner/Anfang Februar bei eiskalten Temperaturen (von durchschnittlich zehn Grad plus) denn auch freiwillig rausgehen?

Sehr viele Menschen wahrscheinlich.

Unsere Kleine nicht so.

Und ich selbst auch nicht, aber das kann ja ruhig unter uns bleiben. Bitte, danke, ich mag Sommer.

Ferienzeit: Die Zeit, in der Eltern öfters mal absichtlich lang am Klo sitzen

Filme, Musik, düstere Gedankenkreisel und weitere individuelle Erwachsenen-Privatvergnügen kann man sich aus den o.a. Gründen im Ferien-Verlauf ziemlich aufzeichnen – oder für die großzügig bemessene Zeitspanne zwischen Niederlegen des Kindes und Niederbrechen von sich selbst reservieren. (Ich habe in den Ferien deshalb einige außergewöhnlich straff komprimierte Criminal Minds-Folgen gesehen, die allesamt jeweils nur rund sieben Minuten gedauert haben. Kennen Sie die eventuell auch?)

Daher möchte ich nun laut in die Welt hinausschreien, was ich mittlerweile hundertprozentig weiß: Ohne wunderbare Kindergarten-Pädagoginnen wie jene, die unser Kind betreuen, würden wir anderen alle vor die Hunde gehen. Oder mit hysterischen Tränen in den Augen einen Master im Fensterbilder-Abkletzeln machen.

Ich habe höchsten Respekt vor den Menschen, die das, was wir Eltern als kreativen Leistungssport betrachten, tagtäglich mit unzähligen kleinen Mäusen in der Gruppe durchziehen. Ich versuche hiermit, die ganze Sache in Relationen zu setzen, soweit ich gerade noch denken kann (in meinen Haaren kleben Sachen und ich hoffe bei Gott, es geht wieder raus, was auch immer das ist und wann auch immer ich das nächste Mal zum Kämmen kommen sollte):

  • Je kreativer und freier, desto besser für die Entwicklung unserer Kinder.
  • Je kreativer und freier, desto mehr Kraftakt für unkreative, sperrige Erwachsene wie mich. (Mein Salzteig-Einhorn zum Beispiel schaut aus wie ein verhunzter Kaktus-Keks mit Anleihen eines Hundes. Mit ganz viel Fantasie.)
  • Je weniger Kindergarten, desto mehr Forderung zuhause danach, tolle farbenfrohe Sachen zu machen: liebevoll, geduldig und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – etwa, wenn der Wasserfarben-Wasserbecher umfällt oder sich das Kind euphorisch mit der bemehlten und bemalten Pfote durchs ganze Gesicht fährt (und dann gleich noch ganz schnell über jedes einzelne Oberbekleidungsstück, das es grad trägt; und über meinen neuen Buchkalender).

Faule Ausreden, die völlig sinnlose Aktivitäten wie bereits erwähnte Papierkram- oder Geschirr-Berge betreffen, lässt dabei übrigens zumindest unser Kind nicht gelten. Sie weiß ganz genau, wie wir beiden Großen ticken, und darum weiß sie auch, dass Papierkram oder Geschirr für uns niemals ein Grund wäre, um etwas abzubrechen, das Riesenspaß macht. Und da sie ebenso gut weiß, dass Malen und Basteln große Freude bereiten, meint sie es nur gut, wenn sie unsere faulen Ausreden als das entlarvt, was sie eigentlich sind: faule Ausreden, weil wir nicht frei und kreativ sein wollen.

Unser Kind versucht also ganz offensichtlich verzweifelt, uns zu fördern – liebevoll, geduldig und ohne Wimpernzucken. Sie will uns schützen. Vor zu viel Unfreiheit. Vor zu viel Grau in unserem Leben.

Winziger Haken dran: Soweit es mich betrifft, fand ich mein fades, misanthropisches Grau bis vor kurzem eigentlich ganz nett.

Jetzt ist es verschollen. Unter sehr, sehr vielen Farben.

Danke, Puppi.

malen mit kindern
Freies Gestalten, Malen, Panschen und Basteln: Nichts fördert Kinder mehr. Und nichts fordert Eltern mehr. Vor allem in den Ferien. ©Althea Müller/privat

Und bitte, bevor Sie sich bereitmachen, ein ausgewachsenes Hass-Mail zu verfassen an mich oder uns oder weiß der Kuckuck an wen: Wir machen es eh. Das ganze Basteln und Gestalten und überhaupt.

Nicht nur in den Ferien. Aber vor allem da.

Mehrere Kreativ-Sessions an nur einem Tag sind da nicht die Ausnahme, sondern die Norm.

Und jetzt kommt der Clou:

Daran gemessen sehen wir wiederum, wie bunt und facettenreich die Kindergarten-Tage unseres kleinen großen Mädchens gestaltet sein müssen. Sonst hätte sie wohl nicht diesen regelrechten Schneid-, Kleb-, Misch-, Knet- und Mal-Entzug, sobald Ferien sind.

Trotzdem – ja, ich steh dazu, und schreiben Sie doch ruhig Ihr Hass-Mail, ist mir doch völlig wurscht, ich bin geistig sowieso schon längst im Regenbogen-Land – ist es völlig legitim, als Große*r in dieser aktiven Zeit ohne weiteres mal dreimal so lange als sonst leider aufs Klo gehen zu müssen. Oder in den Postkasten zu schauen. Oder sich die Zähne zu putzen. Das dauert schon mal irre lang. Vor allem, wenn man*frau ein paar Stunden in drei verschiedenen Bastel-Disziplinen verbracht hat. (Im Zeitfenster von 6:35 bis 9:20 Uhr.) Und hier legt unser Kind auch selten ein Veto ein. Denn das alles sind selbst in ihren Augen legitime Tätigkeiten (Klo sowieso, in der Post könnte jederzeit ein Packerl sein, und wer würde sich wegen Zähneputzens aufpudeln? Am Ende müsste kind selber…).

Danke an alle guten Kindergärten

Das einzige, was ich eigentlich sagen möchte: DANKE an die wunderbaren Kindergarten-Pädagoginnen unserer Tochter – und damit an alle KiGa-Pädagog*innen, die genauso aktiv, achtsam und engagiert mit den ihnen anvertrauten Kindern sind. Und daher so selbstverständlich liebevoll, so bewundernswert routiniert geduldig und dabei ausgestattet mit Feen- und Feerich-Wimpern.

Ich danke euch allen wirklich. Ich meine das ernst. Ich kann meinen eigenen Sud nämlich sehr wohl hinten anstellen, wenn es um das Wohl unseres Kindes geht. Ich will nur meinen eigenen Sud trotzdem loswerden. (Danke fürs Lesen. Amen.)

Nach zwei Wochen Weihnachtsferien und nun einigen Tagen Semesterferien wissen wir, dass unsere Kleine ganz wunderbar basteln, malen, zeichnen und sogar miniwuzzikleine Perlen auf hauchdünne Drähte auffädeln kann. Wir Großen können das nicht mal ansatzweise so gut wie sie – und das wenige, das wir bisher gelernt haben, haben wir von und mit ihr erworben.

Kurz: Von uns hat sie das nicht.

Ergo hat sie es vom Kindergarten.

Und dafür sind wir superdankbar. Es ist einfach für uns Eltern cool, zu erleben, wie viel Spannendes sich ein Kind von einem tollen Kindergarten mitnimmt – mit nach Hause, und mit ins ganze Leben. Und es ist tatsächlich schön, sich auch als Große*r zu überwinden – und sich zusammen mit dem kleinen Menschen im Haushalt über die gemeinsam gebastelten Ketten, Briefbeschwerer, Zahnstocher-Igel, Servietten-Sterne, Papier-Rehe und chchchchchzzzz WAS?! Servietten-Ringe, PJ Masks-Masken und Zauber-Fernrohre zu freuen.

Trotzdem wäre es gelogen, zu sagen, wir würden uns nicht auch auf den baldigen Wiederbeginn des Kindergartens freuen. Ein bisschen halt. Schon recht. Von Herzen, eigentlich.

Aber wir lügen ja nicht.

Außer manchmal. Wenn wir unserem Kind weismachen wollen, es dauert achteinhalb Minuten, um in ein verdammtes Postkastl zu schauen.

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