Mütterliche Notlügen zur Anwendung im Gespräch mit einer Vierjährigen

Wir sind sehr transparente Eltern. Wir antworten und beantworten, erklären und klären auf – und diskutieren auch sehr gerne. Manchmal vielleicht fast ein bisserl zu viel, aber eine wohlmeinende, weise Frau hat mir gesagt, dass die Wahrheit prinzipiell immer zumutbar ist. Gut.

Mütter und Väter gleichermaßen kennen jedoch sicherlich das Problem, dass sich manche Notlügen einfach nicht vermeiden lassen – vor allem, wenn man nach acht Stunden Dauer-Action als Erwachsener (sehr, sehr) dringend (!) eine kurze Auszeit braucht. Eine Auszeit vom ständigen Reden, eine Verschnaufpause vom Spielen und eine Rast inmitten des ganz normalen Alltags, der sowieso nie normal oder alltäglich ist.

Ich denke, dass sich so manche Mama und so mancher Papa eventuell in meinen Notlügen wiederfinden wird. Darum veröffentliche ich sie hier. Und weiß sehr genau, dass ich trotzdem definitiv nicht in die Hölle komme. Erstens, weil ich ja gar nicht an die Hölle nach dem Tod glaube. Und zweitens, weil ich jede einzelne meiner White Lies wenigstens schlüssig argumentieren kann. Bei allen geht es schließlich um nicht weniger als das nackte Überleben als Elternteil. Oder zumindest um, naja. Schokolade, zum Beispiel. Ich bin mir daher wirklich sicher, dass mein Karma für all das bloß ein verständnisvolles Nicken übrig hat.

Meine 12 größten Mama-Notlügen gegenüber unserer vierjährigen Tochter

  1. Es ist nicht so, dass ich dir keine Kekse mehr vergönne. Aber sie sind tatsächlich leer.
    (Die Wahrheit: Die Kekse sind nicht leer. Aber das Kind hatte einfach schon genug für heute.)
  2. Leider können wir heute nicht mehr einkaufen – weil die Geschäfte haben schon zu. Am Mittwoch sperren sie immer schon um fünf zu.
    (Die Wahrheit: Ich will einfach nicht mehr einkaufen heute – und schon gar nicht wegen Keksen, die es in Wirklichkeit eh noch zur Genüge gibt.)
  3. Wir können deshalb keinen Hund haben, weil es der Vermieter nicht erlaubt.
    (Die Wahrheit: Der Vermieter würde es sehr wohl erlauben. Wir wollen einfach nicht.)
  4. Ich würde dir wirklich gern noch eine 53. Geschichte vorlesen, aber meine Kontaktlinsen sind ganz arg angelaufen und ich muss sie über Nacht in den Behälter geben, damit ich sie morgen wieder einsetzen kann. Dann kann ich auch wieder ganz viel lesen!
    (Die Wahrheit: Die Linsen sind top in Ordnung, aber es ist bereits kurz vor 21 Uhr, und es reicht einfach für heute.)
  5. Meinen Computer darf nur ich angreifen. Wenn wer anderer auf die Tastatur greift, beginnt er zu brennen.
    (Die Wahrheit: Mein Computer ist mein Büro. Basta, Pasta.)
  6. Leider ist es schon zu spät – heute wird kein Kinderprogramm mehr gespielt.
    (Die Wahrheit: Es soll jetzt bitte einfach Schlafenszeit sein.)
  7. Das Auto geht heute nicht, deshalb müssen wir gehen.
    (Die Wahrheit: Das Auto ginge wunderbar. Aber gesunde Bewegung geht vor.)
  8. In deinem Alter ist das Benützen dieses Klettergerüsts vom Gesetz her verboten, es tut mir wirklich leid.
    (Die Wahrheit: WTF – wie hoch ist dieses Klettergerüst, bitte? Mein Kind steigt da SICHER – NICHT – RAUF!)
  9. Das rosarote Kleid mit den vielen Rüschen, das dir schon längst zu klein ist, möchtest du anziehen? Ui, das ist noch immer in der Wäsche.
    (Die Wahrheit: Dieses fürchterliche Kleidchen habe ich längst still und heimlich entsorgt. Und zu meiner Verteidigung: Es war nicht nur geschmacklos, sondern auch wirklich bereits zu klein.)
  10. Das kannst du dir natürlich wünschen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das Christkind das nicht schleppen kann: Das ist ja viel zu schwer, und am Ende stürzt es noch ab.
    (Die Wahrheit: Nein, wir möchten keine Spielzeug-Lokomotive kaufen, die den halben Garten einnimmt. Nein. Danke.)
  11. Ich kann dich leider nicht tragen, meine Arme haben heute Entspannungstag – das hat mir der Arzt so empfohlen.
    (Die Wahrheit: Ich bin heute einfach faul, müde und schlapp.)
  12. Huhuhu, das ist eine magische Hexen-Suppe.
    (Die Wahrheit: Das ist Cremespinat. Und alle am Tisch wissen das – auch unser Kind. Vor allem unser Kind. Kein Wunder, dass es die Augen verdreht.)

 

mama_homeoffice©Andrea Piacquadio-Pexels
Sind die Eltern-Batterien einfach leer, muss manchmal eine Notlüge her. (Und dass sich das jetzt halbwegs reimt, ist übrigens (mehr oder weniger) glücklicher Zufall. Oder denken Sie ernsthaft, ich würde solch schlechte Reime fabrizieren? Oh-mein-Gott.) ©Andrea Piacquadio-Pexels

3 Kommentare

  1. Kann ich nicht beurteilen, weil ich keine Kinder habe. Meine Eltern aber haben mich auch belogen, weil es bequemer für sie war. Aber verstehen kann ich es heute noch nicht, weil es für mich im Nachhinein ein Vertrauensbruch darstellt, auch wenn ich die Intention meiner Eltern verstehe.

    Man kommt sich dann im Rückblick nicht ernstgenommen vor, was einen dunklen Schatten auf die Kindheit wirft. Ich wär mehr für das ehrliche und offene Wort, gegen alle Widerstände des Kindes. Aber Anlügen ist ja leider leichter ..

    Dennoch sage ich nur meine Meinung und rede von meiner Warte aus. Keinesfalls möchte ich dein offenes Bekenntnis gegen dich verwenden. Wie gesagt: Ich hab keine Kinder und kann nicht mitreden, aber ich war mal Kind und kenne die Folgen einer verlogenen Kindheit. Und wen man als Kind schonmal nicht ernst nimmt, wie wird das erst in der Pubertät?

    Psychologisch gesehen machen die Lügen den Lügner zum Mehrwisser, der nicht mehr auf gleicher Ebene mit dem Belogenen agiert. So entsteht eine Kluft zwischen Lügner und Belogenen. Das sollte zwischen Mutter und Kind nicht sein. Ein Kind sollte immer auf die Wahrheit der Mutter vertrauen dürfen.

    Hoffen wir, dass dein Kind später mal besser handelt und sich ehrlicher seiner Kinder gegenüber gibt.

    LG Sven

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