Was für ein Luxus, bitte. Meine dreiköpfige Familie hat eben den ersten Urlaub seit 2019 hinter sich – und gleichzeitig den ersten Österreich-Urlaub seit fünf Jahren. Begonnen hatte er, wie so vieles, mit einer harmlosen Idee. Der harmlosen Idee unserer Tochter, um genau zu sein. Die sie uns über Monate hinweg – in der gewitzten Kindern ganz eigenen Art und Weise des kontinuierlichen Suderns – suggeriert hat.

Um es nicht weiter unnötig zusätzlich spannend zu machen: Die Kleine wollte auf einen Bauernhof. Und was tun wir? Wir fahren natürlich mit ihr. Auf einen Bauernhof.

Nun müssen Sie wissen: Wir sind nicht die typischen Bilderbuch-Aktiv-Eltern. Der eine hat Musik im Schädel, die andere sitzt gern am Laptop und erfindet Worte und Sachen. Na, Sie können es sich wahrscheinlich vorstellen. Ein Drama. Das arme Kind. Nichtsdestotrotz wollen wir ihm (dem armen Kind) natürlich viele Erfahrungen ermöglichen, die es sich für die persönliche Weiterentwicklung einbildet. So wie:

Kühe sehen und melken.

Kein Problem, machen wir. Gepäck brauchen wir die paar Tage ja nicht viel. Es ist ja schließlich nicht so, dass wir und unsere mittlerweile Über-Fünfjährige so wie früher den gesamten Kofferraum befüllen müssten mit allem möglichen Kinderzeug für Kinder und Erwachsene. Schließlich sind wir ja nun längst geeicht und geläutert. Quasi. Ein Rucksack für jeden, und geht schon.

Ich drücke also mit aller Gewalt den bummvollen Kofferraum zu und nehme Rücksicht auf das zusammengelegte Boot zwischen Kühltasche 1 und 2, dem Seesack, dem Roboter-Einhorn und den fünf Rucksäcken sowie dem lustig bunten Rollkoffer, und dann fahren wir auch schon ins Blaue und Grüne und Unbekannte. Ganz lockerlässig.

In unserer völlig entarteten Fantasie sehen wir also: uns, auf einem idyllisch dekorierten Balkon sitzend und dank flotter WLAN-Verfügbarkeit unseren Interessen nachgehend. Unsere Tochter – fröhlich von dannen ziehend mit rotwangigen Bäuerinnen, die dem Mädel die Grundlagen aktueller Landwirtschaft nahebringen und sie die Heugabel schwingen lassen. Stundenlang. Danach gehen wir duschen und schlafen.

Es ist aber natürlich überhaupt nicht so.

Und das Abenteuer startet mit einem Zeck, den ich am Schienbein hängen habe (als einzige von der Partie, die anderen haben anscheinend Glück und Zecken nicht ansprechendes, sozusagen in Zeckenaugen minderwertiges Blut, bitte). Und mit Geheule.

Denn natürlich will die beste Tochter von allen nicht einfach so mit der ihr fremden Bäuerin durch den ihr fremden Stall flanieren, Mist schaufeln und Kühe in der gefühlten Größe von halberwachsenen Dinosauriern füttern. Sie will, dass die Mama (das bin ich) mitgeht. Nein, nicht der Papa. Weil, der Papa. Der darf sich abgestellt fühlen, um in der Ferienwohnung Zeug zu machen: Musik, Schlafi, Essen. Herrlich. Ich als Mama dagegen finde mich wieder in einem Stall, der halt einfach ist, was er ist: ein Stall. Mit meinen guten Ledersandalen an den aus welchen Gründen auch immer völlig unvorbereiteten und – ja – entsetzten Füßen sowie bar jeglicher Motivation. Aber gezwungen euphorisch. An einer Hand mein anhängliches Jungtier und an der anderen eine völlig verrückte Katze mit nur einem Auge.

Ich überlege im Stillen, wann genau ich eigentlich so eine Zezn geworden bin. Und ob ich so überhaupt sein will. Ich bin mir sicher, dass ich das nicht will. Eigentlich.

Eine übertrieben lange Dusche und eine unruhige verschwitzte Nacht später.

Natürlich holt frau das Beste raus aus dem Kurzurlaub mit der Familie. Die beherzte Route zum See ist darum schnell gefunden, und ab geht es in die Fluten. Jedoch in Gesellschaft der ekelhaftesten Gesellen, die die von schillernder Vielfalt geprägte Insektenwelt je hervorgebracht hat:

Bremsen.

Kennen Sie Bremsen? Sie hängen sich an einen dran und ihr Biss tut richtig weh. Kaum im Wasser mit dem erst seit kurzem schwimmtauglichen Nachwuchs also, kommt eine Armee ebensolcher geflügelter Mistviecher daher. Und attackiert. Und flippt aus. Und macht mich – ich gestehe – porös. So richtig. Ich weiß schon, es gibt Schlimmeres: Haie, tollwütige und in Hotelzimmer stürmende Füchse mit Beißwut, Corona, Autoimmunkrankheiten et cetera. Ja, ich weiß das. Aber trotzdem.

Meine Nerven schwimmen fort mit jeder Horde an Bremsen, die ich wacker vom stolz vor sich hinhundelnden Leib meines Kindes fortzujagen suche. Am Ende sind alle Bremsen weg, und alle meine Nerven leider auch. Ich lass mir die Haare längst mit gutem Grund färben, aber gerade weiß ich mit Bestimmtheit: Unter den wertvollen künstlichen Pigmenten hat der harmonische Familienausflug zum See mir an die zehn-, zwanzigtausend neue graue Haare eingebracht. Mir, der Zezn.

Zurück am Hof sehen wir Tierkinder, freilaufende Hühner und freundliche Menschen. Unser Kind hängt mittlerweile an der Bäuerin und sagt, dass die Mama (das bin ich) nicht dabei sein soll. Natürlich bin ich total enttäuscht. Auch diese eine Katze blickt nun ratlos aus ihrem einen Auge. Ich bleibe also dem Stall fern und sehe meine Puppi bzw. die Staubwolke, die sie auf den Pflastersteinen im Hof hinterlässt. Da läuft sie davon und will ihre Ruhe. Sie werden so schnell groß, gell. Ich stehe unbenützt rum, das Internet geht auch nicht, und irgendwann setze ich mich einfach neben meinen relaxten Freund auf eine Bank im Garten und schaue.

Geht so Ausrasten? Mir kommt gerade, wie zweideutig das Wort ist. Ausrasten und Ausrasten. Na bumm, das ist mir noch nie aufgefallen. Darüber kann ich jetzt mal nachdenken, während ich vor mich hinschaue und mein Kind in Sicherheit weiß.

Aber ah ja.

Von wegen Ausrasten, das andere Ausrasten: Da gibt es gleich auch ein passendes Thema. Die anderen Kinder nämlich.

Denn es gibt ja einerseits so immens liebe Kinder. Und Eltern. Da sitzen wir gern gemeinsam am Lagerfeuer. Man*frau tauscht Bonmots aus über den Alltag, der keiner ist, und versteht sich – ganz einfach und unverbindlich. Vereinzelte bereits rot leuchtende Ribiseln werden vom Strauch gepflückt und abenteuerlustig genascht im Wissen, dass ganz sicher wieder eins dieser winzigen Kernchen hinter der einen Krone steckenbleiben wird. Würstel braten gemächlich überm offenen Feuer. Die liebsten Kinder des Universums verstehen sich und spielen irgendetwas, auf jeden Fall haben sie Spaß miteinander und sind immer in Sichtweite. Halligallidaslebenistschön.

Und dann. Dann gibt es die Grätznkinder. Sind Sie Eltern? Wissen Sie, was ich meine? Wenn mein hochsensibles Kind den ganzen Mut zusammen nimmt und fragt, ob ein gemeinsames Spiel drin ist – und die anderen Kinder in einer Art und Weise antworten und agieren, dass das liebste eigene Kind in heiße Tränen ausbricht und wegläuft? Das sind dann so die Momente, wo ich mich arg beherrschen muss, nicht zu sehr in das Sozialisierungsspiel einzugreifen, um es mal ganz locker zu formulieren. Es bricht mir nämlich das ansonsten recht stählerne Herz, wenn mein Schnuppi an Kinder gerät, die offensichtlich weder Erziehung noch Erziehung genossen haben. Wenn sie an Kinder gerät, die einfach grausam sind.

Ich trockne also hier die Tränen des gebrochenen Herzens meines Kindes. Rede dort so sanft Tacheles mit den Alien-Kindern, wie es mir nur eben möglich ist. Und erlebe später ungläubig, doch erleichtert, wie sich eins von ihnen dann doch tatsächlich von sich aus bei meinem immer noch zu Recht gekränkten Mäuslein entschuldigt. Das renkt meine Sicht auf den Tag – und die Menschheit und das Leben – fürs erste dann doch wieder ein. Und den anderen Spielplatzrowdies, denen wünsch ich natürlich auch nichts Böses. Nur Karma. Ganz viel davon.

Also weiter.

Wir essen bei einer uns sympathischen rumänischen Wirtin, die Herz hat und Pächterin eines verschlafenen Badeteichs ist, an dem wir allen Platz der Welt haben. Sie ist großartig. Sie wird philosophisch. Ich werde philosophisch. Mein Freund versucht derweil erfolglos, sich unter der Serviette zu verstecken.

Da wir jedoch grundsätzlich auf Ausflugsmission sind, machen wir uns schließlich auf versuchte Google Suche. Nur haben wir hier nirgends Empfang auf unseren zwei blöden unterschiedlichen Handys mit zwei blöden unterschiedlichen Netzbetreiber*innen.

Ja, gibt’s denn das? Ja, ist denn das zu fassen im Jahr 2021 in Österreich?

Ja. Das gibt’s.

So empfiehlt uns meine neue Freundin hilfreich eine weitere Philosophin, die nicht weit entfernt ist – und die sie am besten jetzt sofort mal anruft. Ehe wir es uns versehen und während wir noch versuchen, unser – von zwei Schleckeis hintereinander in zunehmende Zucker-Rage verfallendes – Kind zur Raison zu bringen, stehen wir schon auf einer zauberhaften Wiese im Nirgendwo, und jede*r von uns hält eine Leine in der Hand. Mit einem Alpaka dran.

Ich muss dazu sagen, dass sich meine Erfahrung mit Alpakas ohne Zaun zwischen ihnen und mir auf etwa Null beläuft. Meine Panik, die ich still im Innersten empfinde, während mich ein skeptisches Tier namens Sanchez aus großen runden Augen beäugt und ich glaube hasst, meine Panik also ist sicher berechtigt, wenngleich es ja um den Spaß geht, den unsere Tochter hat. Aktuell versucht sie sich hinter der Alpakaführerin zu verstecken, während das ihnen zugeteilte Lasttier einem hektischen Reh gleich Bocksprünge vollführt, um sich die – da haben wir sie wieder! – Bremsen vom flauschigen Hals zu halten.

Dann genießen wir die Natur und wandern ein Stück. Freund und Kind kommen prächtig mit den Alpakas zurecht, und ich als Schlusslicht denke mir die ganze Zeit, dass Sanchez sicher lieber überall anders wäre, nur nicht an meiner Seite. Wenn er soviel Gespür hat, wie ich mir einbilde, denkt er sich wahrscheinlich dasselbe – nur umgekehrt. Ich überlege, ob ich ein schrecklicher Mensch bin, weil sich meine Verzückung in Grenzen hält. Ich komme zu dem Schluss, dass das so sein muss. Ich schiele unauffällig zu Sanchez rüber, und er schielt unauffällig zu mir zurück, und die restliche Wegstrecke ergeben wir uns unserem Schicksal und ich notiere für mich selbst, dass ich wahrscheinlich eher so der Katzentyp bin, ja genau. Denn schließlich mag mich ja zumindest diese eine halbsichtige Katze am Hof, und somit gibt es vielleicht doch noch Hoffnung. Für meine Seele, meine ich.

Eine Stunde später gebe ich dann gleich noch mein verbliebenes Tages-Fun-Budget für alpakanische Seifen, Figuren und Schlüsselanhänger aus, die wir dringend brauchen.

Und finde mich in Folge erneut im nun schon vertrauten Kuhstall wieder, wo meine Familie die kleinen Kälber mit einer Flasche füttert, während ich die Bäuerin mit Fragen rund um die Milchkuh-Haltung löchere. Schnell aber merken wir, dass wir bei diesem Thema auf völlig verschiedenen Planeten leben. Weshalb wir unseren Smalltalk auf ihre jahrelange Kunst-Ausbildung verlegen, die sie zur Malerei gebracht hat. Weswegen sie eigentlich Malerin wäre, wenn sie nicht von früh bis spät so viel Arbeit auf dem Hof hätte. Die blauen Augen der Bäuerin leuchten, und das Gespräch geht in eine unerwartete Richtung, die ich liebe: Träume, Visionen und Wünsche. Das Wort „eigentlich“ fällt oft. Auf beiden Seiten.

Ich komme erfrischt und inspiriert ins Hier und Jetzt zurück.

Was für eine wunderbare Supervisionsstunde, noch dazu ohne die übliche dreistellige Investition. Parallel dazu ist die Kälbchenfütterung beendet. Und niemand hat versucht, sich unter einer Serviette zu verstecken.

Alle sind gerade richtig satt. Also: gut satt.

Dass das Handy später im Zimmer nach wie vor sozusagen nicht geht, ist auch gerade richtig. Also: gut.

Ich raste mich aus.

Als wir auschecken und wieder nach Hause fahren, merke ich, dass ich ein Stück weniger Zezn bin als noch vor dem Urlaub. Und: Dass ich mich auf Zuhause freue.

Jetzt denkt sich jeder halbwegs normal tickende Mensch wahrscheinlich, na was denn sonst.

Ich aber erinnere mich an die vielen Jahre, in denen ich von A nach B gezogen bin und weiter bis X und Y und Z, und immer war ich rastlos und ruhelos, und immer wollte ich woanders hin, woanders sein, weranders sein, woanders bleiben. Blahbluhblih.

Ich lasse die Gedanken schweifen, blicke liebevoll auf die Sammlung an Bremsenstichen auf meinem linken Unterarm und freue mich, weil ich mich auf Zuhause freue. Nach so vielen Jahren komme ich anscheinend wirklich endlich heim. Plastisch gesprochen, wissen Sie, was ich meine? Nein? Keine Sorge, ich auch nicht.

Während nun mein Freund über das immer noch nicht verfügbare Netz schimpft, das wir fürs Navi gut gebrauchen könnten,

und während unsere Tochter auf der Rückbank ab dem Zeitpunkt, an dem wir unser braves Familienauto aus der Einfahrt unserer Unterkunft herausgefahren haben, eine interessante Sprache ohne Satzzeichen spricht in der Art von „Ich habe ein Alpaka allein geführt Mama du hast es nicht so gut gemacht hast du denn Angst gehabt vor dem Alpaka bist du denn ein Angsthase also die ganz kleinen Hasen waren soooooosüüüüüß aber am meisten liebe ich die Kühe warum können wir nicht zwei oder drei Kühe haben oder zumindest ausborgen nur ausborgen wirklich und einen kleinen Stall im Garten bauen dann ist der doch eh im Garten und die Katzenbabys waren soooooosüüüüüß und ich möchte wieder auf den Bauernhof fahren weil beim nächsten Mal darf ich beim Traktor mitfahren hat die Bäuerin gesagt wisst ihr eigentlich dass ich pfeifen kann soll ich es euch auch beibringen ach so der Papa kann ja pfeifen Mama soll ich dir eine Pfeif-Lehrstunde geben Papa wann fahren wir denn wieder auf den Bauernhof Papa wann sind wir denn da Mama ich habe Durst kannst du mir bitte mein Wasser geben kann ich ein Eis haben ich muss so dringend aufs Klo Papa geht das Navi noch immer nicht weißt du eh wie wir heimkommen Mama schläfst du“,

und während ich draufkomme, dass ich schon wieder – und schon wieder als einzige – einen Zeck an der Fußfessel (Fußfessel, haha, wieder so ein zweideutiges Wort, über das ich jetzt nachdenken kann, ach – zerkugeln könnte ich mich!) sitzen habe,

und während wir durch diese wunderschöne Landschaft aus nordisch wirkenden Baumriesen und saftig grünen Wiesen unter einem sommerlich blauen Postkarten-Himmel mit strahlend weißen Postkarten-Wolken reisen,

da plötzlich passiert es – und es fühlt sich großartig an:

Ich bin tiefenentspannt.

Danke, liebes Waldviertel.
Ich schicke dir ein Bussi, ganz von Herzen.

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